General Marceau
die andere Geschichte aus dem Westerwald
eine Anekdote ?
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Oberhalb von Höchstenbach wurde 1796 der französische General Marceau von einer österreichischen Streife schwer verwundet. Er starb auf dem Weg nach Altenkirchen im Alter von 27 Jahren. Ein Gedenkstein in Höchstenbach, 1863 von Napoleon III. gestiftet, erinnert an dieses Ereignis.
Mein längst verstorbener Großvater Wilhelm Nickel (Konrektor i.R.) besuchte mit uns, als wir noch Kinder (geb.1935-43) waren, oft und gerne die Gedenkstätte des berühmten Generals Marceau in Höchstenbach bei Hachenburg.
In mitten einer schönen Waldlichtung steht ein Obelisk, an den Seiten je eine Gedenktafel in französischer und in deutscher Sprache. Wie immer verharrten wir zunächst in ehrfurchtsvollem Schweigen und warteten bis unser Großvater den Text auf der Tafel vorgelesen hatte. Anschließend machten wir einen kleinen Spaziergang innerhalb der Lichtung und hörten ihm aufmerksam zu, wie General Marceau im Krieg mit '' Deutschland '' genau hier tödlich verwundet wurde.
Das Wesentliche seiner mit geschichtlichen Ereignissen verwobenen Erzählung war im Grunde eine Lobpreisung des bewundernswerten Charakters dieses Mannes: trotz der Schrecken des Krieges, der vielen Toten und Zerstörung war dieser General darauf bedacht und es gelang ihm hier auch, seine Truppen vor blindwütig zerstörerischem Tun an Gebäuden und Bevölkerung zurückzuhalten.
Den Forderungen der französischen Revolution nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, fügte Marceau mit Nachdruck die ganz persönliche Ehre eines Soldaten hinzu, die Soldatenehre, die wichtiger ist als Sieg oder Niederlage. Sie findet darin ihren Ausdruck, den unterlegenen Feind mit Nachsicht und Ritterlichkeit zu behandeln. Und nur dann, wenn seine Soldaten so handeln, könne er auf sie und sie selbst als Soldaten stolz sein.
So war es kein Wunder, dass der General von der hiesigen Bevölkerung nicht nur sehr geachtet wurde, sondern auch wegen seiner jugendlichen Unbekümmertheit beliebt war.
Und nun folgte eine weitschweifende Liebesgeschichte mit tragischem Ausgang, die uns feuchte Augen machte.
Angeblich soll General Marceau durch das Hessenland in Richtung Westerwald gezogen sein.
Der junge, hübsche General verliebte sich auf Anhieb in das schönste Mädchen aus der Gegend von Dillenburg , eine junge, blonde Schönheit, die Tochter eines Försters, und diese Liebe wurde erwidert.
Der Vater war entsetzt, denn Feind war Feind. Um Schlimmeres zu verhindern und um seiner Ehre Willen, folgte er ihm zu Pferde, lauerte ihm in dieser Waldlichtung auf und feuerte seine Flinte ab. Tödlich verwundet war Marceau nicht mehr zu retten.
Und nun geschieht etwas ganz Ungewöhnliches und doch so Typisches für den ritterlichen Charakter von Marceau:
Sterbend verfügt er, man solle den Sattel seines Pferdes und seinen Degen seinem Besieger überlassen.
Was den rätselhaften Namen ''Herbst'' betrifft, den ich in dieser Geschichte
nicht erwähnt habe, hat mein Großvater diesen mörderischen Förster in seinen
Erzählungen oft mit ''der Förster Herbst aus dem Dillenburger Land'' benannt.
Da ich schon länger beabsichtigte, diese Erzählung ins Internet zu stellen,
erkundigte ich mich bei meinem Bruder Jörg, der die Genealogie der Familie
erforscht hat, und tatsächlich erscheint der Name ''Herbst'' in einer
Verschwägerung durch die Tochter ''Anna'' von ''Jakob Herbst'', die dann
später von Johann Jost Nickel geehelicht wurde in etwa zeitgleich mit dieser Geschichte.
Der Wohnort dieses ''Försters'', der lediglich ein Flurschütz war, liegt aber zu Pferd etwa zwei Tagesreisen vom Ort des Geschehens und kann so oder so kaum mit dem General Marceau in Verbindung gebracht werden. Und wenn doch, hätten möglicherweise die aus dieser Linie stammenden Kinder Gene des Generals im Blut.
Da diese Geschichte offensichtlich von Großvater zu Großvater bzw. Väter gleichsam vererbt worden ist,kann diese nur mit einiger Fantasie in Verbindung mit dem General Marceau gebracht werden. Es ist anzunehmen, daß die Begeisterung der jeweiligen für diesen General ihre Fantasie zur vollen Blüte brachte mit dem Wunsch nach Verbindung und Identifikation mit diesem von ihnen so verehrten ''feindlichen'' General.
Warum mache ich so viel Aufwand um diesen General? Weil dieser sogar in der Nähe seines Sterbeortes Altenkirchen (hier kein Denkmal) immer mehr vernachlässigt und bald ganz in Vergessenheit zu geraten droht.
So wie unsere Vorfahren möchte ich ebenfalls eine Lanze für diesen Mann brechen, der als Vorbild in unserer Zeit hineinwirken sollte. Dies um so mehr, da in den gegenwärtigen kriegerischen Auseinandersetzungen bei Regierenden und Soldaten humanistische Tugenden ein unabänderlicher Ehrenkodex sein sollte, um Bevölkerung und einen danieder liegenden Feind zu schonen.
Grausamkeiten des Krieges müssen aus dem Innersten als ein Verbrechen noch klarer ins Bewusstsein drängen!